Geräteerfahrung: FreeX BiPlace-Gemini

 

von Robert Kleinwechter

Freitag, 14. Juni 2002

So. Nun habe ich auch den Gemini fliegen können.
Ich fliege seit fast 5 Jahren meinen Bigfoot (baugleich mit Fat Willi), konnte zwischendurch immer mal einen anderen Tandem probieren, so das ich mich doch traue ein halbwegs vernünftiges Urteil abgeben zu können.

 

Also, Donnerstag Abend bekam ich den Schirm per Motorroller nach München gekarrt (danke an Rainer von freeX!) 
und entschloß mich am Freitag bereits zum Fliegen weil sich mein Freund Maddin spontan Zeit nahm. Ich hatte ihn als Gleitschirmneuling damit gelockt auf Strecke zu gehen.

Am Vorabend hatte ich mir den Schirm schon angeschaut, und die Leinen sortiert. Die Ohrenanlegehilfen sind nach wie vor Geschmackssache, ich bevorzuge geteilte A-Gurte.

Der Flaschenzug für den B-Stall ist mit Stoff ummantelt, so sehen die Tragegurte sehr aufgeräumt aus. Der Stoff franst allerdings wahrscheinlich schnell aus, da die Kletts von der Ohrenanleghilfe dran kleben bleiben.

Die Steuerschlaufen sind, wie auch beim letztens getesteten Blade "halbhart", lassen sich gut greifen. Befestigt mit anständig haltenden Magneten. Bei mir waren die Steuerleinen eher kurz eingestellt, es war aber noch Platz zum verlängern, auch der Passagier konnte gut damit steuern. Die Steuerkräfte würde ich als durchschnittlich für Tandemschirme bezeichnen (Verlgeich: Stereo, Bi-Beta², Pick-Up, Bigfoot, Cargo, Swing Mistral Bi)

 
Die Leinenanordnung Der Kappenaufbau
 
Start: Genug geschwafelt, bis Mittag Arbeit, dann auf zum Wallberg, 15.30 Uhr Start. Auslegen ist einfach, es sind sehr wenig Leinen, die sich auch nicht kringeln und übersichtlich gefärbt sind. Zuerst hab ich den Schirm bei wenig Wind mit Impuls aufgezogen. Falsch. 2 Startversuch, ein bissel bogenförmiger ausgelegt, dynamisches Ziehen an den vorgespannten A-Leinen und ich merke wie der Schirm langsam, aber ganz sauber hochkommt. Einfach stehen bleiben, der Schirm kommt zwar nicht zügig aber kontinuierlich über uns, dreht sich von allein in den Wind und bleibt oben stehen. Kurz angebremst und wir sind nach 2 Schritten in der Luft.
 

Leider starteten wir in eine riesen Abschattung hinein, das heißt am Wallberg erstmal dynamisch im bayrischen  Wind aufsoaren und dann über dem Gipfel einrasten bis wieder Sonne in den Hang scheint. Auch gut, dabei konnte  ich das Drehvermögen gut austesten. Wie auch beim Solo Blade hilft zuviel Gewichtsteuerung nix, der Schirm 
gräbt dann leicht, geht aber super gut um die Ecke. Ganz ohne Gewichtsverlagerung braucht man zwar ein bissel  mehr Steuerdruck, dreht aber sauflach und kann wirklich schön kurbeln.

Nach 15 min. wurde es langweilig, die Abschattung war auch ziemlich zäh, also wollten wir bei 300m über Start  los, Richtung Bayrischzell. Zähes Kurbeln, bei 270m haben wir die Schnauze voll, hauen dann ab. Bremsen voll auf, laufen lassen und mit gutem Speed ging es an die erste Talquerung zum Bodenschneid. Wir kamen trotz geringer Ausgangshöhe nur knapp unter Grat an und begannen sofort aufzusoaren. Kurbelten dann einen anderen Flieger aus und ließen uns in einem schönen 3m-Bart Richtung Brecherspitze versetzen.

Wie auch andere Tester schon bemerkten hat der Gemini sein bestes Gleiten leicht angebremst, durch fehlende Trimmer muß der gesamte Geschwindigkeitsbereich über die Steuerleinen erflogen werden.

Sehr hoch ging es direkt über Bodenschneid nicht, also mit Rückenwind los zur Brecherspitze wo wir dann auch sofort aufsoarten und in einen recht ruppigen Bart über dem Gipfel einstiegen. Kurzfristig ging es mit über 8m nach oben, 2 Vollkreise und wir waren ca. 300m über Gipfel.

Dort erwischte es uns kalt. Totalzerstörer. Plötzlich war der Schirm 90° vor uns, mehr als die Hälfte eingeklappt. Sofort riß ich die Bremsen bis zum Arsch, schwerelos fielen wir in die entlasteten Leinen. Der Gegenklapper nach dem Pendler war schon nicht mehr so heftig und leicht zu stabilisieren. Was ich besonders gut fand, der Schirm drehte dabei kaum weg, das Öffnen passierte nicht schlagartig sondern eher dynamisch-sanft (blöd ausgedrückt) ohne Wegdrehen bei moderatem Gegensteuern.

Erstmal durchatmen, noch ein paar Höhenmeterchen mitnehmen und weiter, auf der nächsten Talquerung erstmal ausruhen. Dort soarten ziemlich hoffnungslos 2 Schirme, also erst gar nicht mit Thermiksuche probieren, sondern winken und gleich weiter. Kurz hinter dem Grat sah ich weit über uns einen Segelflieger drehen, nix wie hin und den Buben im Zentrum seines recht ruppigen Bartes auskurbeln! Nun hatte ich den "Dreh" mit dem Gemini ja schon raus, und konnte schön zentrieren. Maddin hat die ganze Zeit Fotos gemacht.

 
Erst war er so hoch...
...aber - zwei Minuten später!!!
 

Auch wenn es ruppig wird liegt der Schirm noch ziemlich satt in der Luft, gegenüber meinem Bigfoot giert er auch nicht so arg, er ist auch beim Rausfallen aus der Thermik schön gedämpft. Ein wenig später, beim geraden Durchflug durch eine Thermik mit offenen Bremsen haben wir dann noch einen satten Frontstall kassiert, der aber ohne Eingreifen absolut unspektakulär wieder öffnete ohne das wir groß pendelten. Dann mussten wir "dank" fehlender Thermik und Höhe auch schon den Landeplatz in Bayrischzell ansteuern, suchten trotzdem noch über dem Ort nach der legendären Konvergenz, die just nicht da war.

Landeanflug mit vollem Speed, dabei fiel mir das sehr gute Gleiten auf, so das wir die eigentlich angepeilte  Wiese glatt überflogen und erst einen Acker später aufsetzten. 1x gewickelt, full Speed auf den Boden und  sanft bei Nullwind ausgeflart. Mein Urteil: Landeverhalten sehr angenehm.

SMS an Thomas, der noch am Wallberg kurbelte, das er uns abholen soll.

Ein netter Drachenflieger nimmt uns mit hoch an den Vogelsang. Das ist meine Premiere an dem Berg. Hab ja schon gehört das es ein Quasi Klippenstart sein soll. Von weitem sehen wir den Windsack leicht im perfekten Westwind wehen. Fliegen bis der Rückholer kommt! Also raufgelaufen, ausgelegt und gegen 18.30 Uhr raus - über uns drehte bereits ein Schirm und ein Drachen.

Genau das gleiche Startverhalten bei unserem ersten Start am Wallberg, jedoch weniger Wind und praktisch keine Anlaufstrecke. Relativ langsames Steigen, selbstständiges Drehen in den Wind, kein Überschießen, Anbremsen, extrem kurze Anlaufstrecke von einem Schritt! Also perfekt für Klippenstart.

Der folgende Flug war wunderschönes Sightseeing. Aufsoaren am Vogelsang, dann Einstieg in den ruhigen Gipfelbart der uns nochmal bis über 2000m trägt. Sicht rundum bis zum Hauptkamm, Kössen, der Kaiser, alles in greifbarer Nähe. Wir könnten weiterfliegen, wollen jedoch Thomas nicht verärgern. Also einach Fliegen bis das Taxi kommt.

Die Höhe nutze ich um den Schirm nochmal auszutesten.

Ohren einklappen mit den Hilfsschlaufen. Im Gegensatz zu den Soloschirmen lassen sich diese recht einfach, und ohne viel Gefummel packen. Mit kurz eingestellten Bremsen ist dies allerdings nicht gut, die Ohren schlagen leicht weil nicht weit genug  heruntergezogen werden kann. Also Bremsen loslassen und nochmal ein bissel tiefer ziehen. Dabei kommen die  Ohren gut rein. Öffnen von allein nach kurzer Verzögerung. 

Wieder aufsteigen und nun Steilspirale. Nach einer Umdrehung sind wir drin, auch ohne Gewichtssteuerung.
Dosieren ist sehr gut möglich, die erste Spirale bis 12m/sek. Ausleitung mit beidseitigem Bremsenzug super einfach, wenig Nachschaukeln.
Zweite Spirale, nun mit Gewichtsteuerung und kurzem Aufschaukeln, Einleitung schon nach einer halben Umdrehung, maximales Sinken über 16m! und wieder angenehmes Ausleiten.

B-Stall hab ich nicht probiert, leider, dazu war am Schluß die Höhe nicht mehr ausreichend.

Vor der Landung über Bayrischzell noch ein paar gehaltene, nicht gegengebremste Klapper. Wie schon bei unserem Zerstörer über der Brecherspitze dreht der Schirm nur langsam weg, öffnet sanft aber trotzdem schnell, so ist die Gefahr von Gegenklappern recht gering.

Die Landung wieder super einfach bei kaum Wind mit sehr weichem Ausflaren.

Mein Fazit:

Start:
langsames, aber zuverlässiges Hochsteigen, kein Überschießen, Drehen in den Wind, dafür sehr kurze Anlaufstrecke.

Landung:
einfach, gut ausflaren möglich, im Endanflug Korrekturen einfach

Klapper:
Weiche Ausleitung, kaum wegdrehen, unspektakulär

Frontstall:
unspektakulär

Ohren anlegen:
Durch die Anlegehilfe mit wenig Kraft möglich, ziemlich tief ziehen, dann wenig Flattern der Ohren, Öffnung selbstständig, kurz verzögert

Spirale:
einfache Ein- und Ausleitung, sattes Feeling, hohe Sinkgeschwindigkeit möglich

Kurbeln:
mit wenig Gewicht flach zu drehen, mit viel Gewicht super wendig

 

Pilot: Robert Kleinwechter,
Passagier und Fotograf: Martin Prerovsky